Effektiv kooperieren

 
von Claudia Knod

Vielleicht war der eine oder andere unter Ihnen während der Feiertage oder zum Jahreswechsel im Konzert. Häufig wird zu diesem Anlass Beethoven’s Neunte gespielt. Als ich zu Silvester in der Kölner Philharmonie saß (es gab ein abwechslungsreiches Programm von Boccerini bis Piazzolla) war ich wieder einmal fasziniert von dem Zusammenspiel des Orchesters. Jeder Musiker muss seinen Part perfekt spielen und gleichzeitig Augen und Ohren für die anderen Musiker haben, um gegebenenfalls reagieren zu können. Auch bringt es nichts, wenn er versucht herauszustechen oder sich sozusagen „selbst zu verwirklichen“ – im Gegenteil, der Hörgenuss für das Publikum würde vermutlich darunter leiden.

Während ich die Perfektion und die Harmonie bewunderte, fing ich an über die Analogien zwischen einem Orchester und einem Unternehmen nachzudenken. Ist nicht ein gutes Orchester ein Paradebeispiel für effizientes Management und perfekte Kooperation?

  • In einem Sinfonieorchester arbeiten Spitzenkräfte auf engstem Raum zusammen
  • Der Dirigent ist eine Führungspersönlichkeit, ein Kommunikationsexperte und Motivator
  • Der Dirigent ist aber nicht die alleinige Führungskraft, die Stimmführer der jeweiligen Instrumentengruppen (Abteilungsleiter) tragen ebenfalls Verantwortung, z. B. für technische Lösungen in einem schwierigen Satz oder für den Austausch mit den anderen Instrumentengruppen; diese wiederum haben mehrere Stellvertreter u. s. w.
  • Die verschiedenen Abteilungen (Instrumentengruppen) greifen perfekt ineinander; es herrscht sozusagen eine permanente Gruppendynamik
  • Ein Orchesterapparat verfügt über hervorragende Konfliktlösungsstrategien (bei gleichzeitig höchstmöglichem Konfliktpotenzial)
  • Ein gutes Orchester ist kreativ, offen und in der Lage schnell zu reagieren; es wird vom Wir-Gefühl getragen und nicht vom Ich-Gefühl
  • Die Darbietung ist dann perfekt, wenn sie vom Publikum einfach, mühelos und selbstverständlich und vor allen Dingen sehr homogen erlebt wird

 

Mir fallen noch weitere Beispiele ein, aber zeigt nicht schon diese kurze Liste, wie verblüffend ähnlich die Herausforderungen für Orchester und Unternehmen sind? Es gibt leider einen bedeutenden Unterschied: das Orchester funktioniert immer und bietet stets eine hervorragende Performance (über die Interpretation und die Auffassung lässt sich streiten, aber kein Besucher geht aus einem Konzert und sagt: die Streicher waren ja richtig gut heute, aber die Bläser lagen total daneben – wenn das der Fall sein sollte, war das gesamte Konzert eben nicht gut).

Aber wer kann das von einem Wirtschaftsunternehmen sagen? Funktioniert das Team in Ihrer Organisation immer perfekt? Wir wissen, dass wir davon weit entfernt sind: Funktionsbereiche sind nicht immer perfekt aufeinander abgestimmt, es gibt Silos und Eitelkeiten, in manch einem Meeting will der eine den anderen ausstechen, und mancher Chef meint, er könnte es eh‘ besser und reißt die Präsentation beim Kunden an sich. Ich habe es noch nie erlebt, dass der Dirigent in einem laufenden Konzert zu den Holzbläsern rennt, der Flötistin ihr Instrument entreißt und selbst das Solo spielt.

Könnte eine Führungskraft in der Wirtschaft nicht von einem Dirigenten und seinem Orchester lernen?

Schauen wir auf das Thema Konflikte und wie man damit umgeht. In Unternehmen werden sie häufig aus einem falsch verstandenen Harmoniewunsch nicht zugelassen („so gehen wir bei uns nicht miteinander um“). Natürlich schwelen sie weiter im Untergrund und brechen sich dann eben an anderer Stelle Bahn; vielleicht in einem Meeting, wenn ein Kollege den anderen vor dem Chef desavouiert, nur weil er ihn nicht leiden kann. Damit ist der persönliche Konflikt auf die fachliche Ebene gerückt worden und wird dort ausgetragen. Damit ist er dann schädlich für die Performance des Teams geworden.

In einem Orchester ist das nicht möglich. Oder soll das Fagott, weil es sich über die Oboe geärgert hat, diese an die Wand spielen? Niemand kommt in einem Orchester auf die Idee sich aufgrund zwischenmenschlicher Animositäten aus dem gemeinschaftlichen Konzert zurückzuziehen.

Im Orchester weiß man, dass Respekt wichtiger ist als Harmonie. Nicht jeder Musiker muss dem anderen sympathisch sein, aber die Musiker müssen sich darauf verlassen können, dass sie bei den Proben und Konzerten ernst genommen werden und in der Lage sind, ihre Leistung ohne Diskriminierung „zu bringen“. Die fachliche und die persönliche Ebene sind getrennt und so sollte es auch im Unternehmen sein.

Noch lange nach dem Konzert fielen mir positive Beispiele für die perfekte Kooperation im Orchester ein und dass nur dadurch das Ergebnis so herausragend ist. Weil gerade Sylvester war, habe ich mir vorgenommen in diesem Jahr immer daran zu denken und die besten Gepflogenheiten aus dem Orchesterleben in unser Team zu übertragen.

Damit mir das gelingt, werde ich in diesem Jahr natürlich auch besonders häufig ins Konzert gehen.

 
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